Sommer der Angst

 

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Fantasy-Thriller, 120 Seiten, Oktober 2016
ISBN-13: 978-1534897380
ISBN-10: 1534897380

So hat Jake sich den Beginn der Sommerferien nicht vorgestellt: Ein brutaler und mysteriöser Mord überschattet die verschlafene Kleinstadt, in der er lebt. Die Freundschaft mit der neu hinzugezogenen Kathleen bringt ihm Ärger mit deren Vater ein. Außerdem hat es eine Gang von Halbstarken auf ihn und seine Freunde abgesehen. Und dann ist da noch ein furchteinflößender alter Mann, der zurückgezogen in seiner Villa lebt. Indizien deuten darauf hin, dass er etwas mit dem Mord an dem Mädchen, dessen Leiche blutleer aufgefunden wurde, zu tun hat …

 

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Leseprobe:

»So ein Scheißfilm!«, schimpfte Emily vor dem Kino. Drei Stunden lang hatten sich Rachel und sie im Rivoli Theatre die Hintern plattgesessen und Waterworld angeschaut. Was für eine Zeitverschwendung! »Wir hätten aufstehen und das Kino verlassen sollen. Scheiß auf die paar Kröten!«
Anstatt Pauls Einladung zur Geburtstagsfeier anzunehmen, hatten sie im Kino bis zum Abspann ausgeharrt. Nun war es beinahe Mitternacht und zu spät, um sich noch auf der Party blicken zu lassen. Emily stieß einen Seufzer aus. Wenn sie nicht pünktlich zu Hause war, würden ihre Eltern wieder ausflippen. Wie neulich, als sie die leeren Wodkaflaschen im Zimmer der Sechzehnjährigen entdeckt hatten. Darauf hatte sie echt keinen Bock!
»Na, ich geh dann mal«, verabschiedete sich Rachel und schnippte ihre Zigarette weg. Früher hatte das Lichtspielhaus Jugendliche in Scharen angezogen. Inzwischen fuhren die meisten lieber mit dem Auto nach Valdosta und besuchten dort das Multiplexkino. »Wir sehen uns morgen!«
»Kommt Jeff auch mit zum Bowling?«
Rachel grinste breit. »Das will ich schwer hoffen! Er hat es mir fest versprochen.«
Emily rang sich ein Lächeln ab. Was ihre Freundin an dem Kerl mit den schiefen Zähnen und dem Pickelgesicht fand, in den sie seit Wochen bis über beide Ohren verknallt war, blieb ihr ein Rätsel. Sah man von seinem Äußeren ab, schien Jeff ansonsten aber ganz nett zu sein.
Die Freundinnen umarmten sich und gingen getrennte Wege. Rachel wohnte nur wenige Häuserblocks vom Kino entfernt. Emily musste in die entgegengesetzte Richtung.
Sie kramte in den Tiefen ihrer Handtasche zwischen Feuerzeug und Lippenstift nach dem Fahrradschlüssel und schritt über den Parkplatz zu ihrem roten Trekkingrad, das sie an der Mauer zum Eisenwarenladen abgestellt hatte. Der Hinterreifen war vollkommen platt.
Mist! Das hat mir gerade noch gefehlt!
Schon auf dem Hinweg hatte Emily befürchtet, mit dem Rad durch scharfe Glasscherben gefahren zu sein. Dann hatte Rachel an der Schlange vor der Kinokasse von Jeff geschwärmt und Emily hatte nicht länger darüber nachgedacht.
Sie schaute auf die Armbanduhr. In einer halben Stunde musste sie zu Hause sein. Wenn sie den Waldweg hinter dem Kino nahm, würde ihr Ärger wegen Zuspätkommen vielleicht erspart bleiben. Am Montag wollte sie mit William in den Stephen C. Foster State Park. Das durfte sie sich bloß nicht vermasseln. Die Erlaubnis hatten ihr Mom und Dad nach einer langen Debatte nur widerwillig erteilt.
Trotzdem löste die Vorstellung, bei Dunkelheit allein durch den Wald zu gehen, Unbehagen in ihr aus. Erst vor wenigen Wochen war ein Spaziergänger nach einem giftigen Schlangenbiss gestorben. Auf einen meilenweiten Umweg hatte sie allerdings auch keine Lust. Der Nachtbus war vor Stunden abgefahren.
Emily hielt Ausschau nach Rachel. Ihre Freundin war weg. Nur wenige Autos parkten noch vor dem Kino. Zwei Männer mittleren Alters mit Cowboyhüten standen lässig vor den Schaukästen am Eingang und prosteten sich mit Bier zu. Sie lungerten schon eine ganze Weile dort herum. Einer der Kerle drehte den Kopf in Emilys Richtung. Als sich ihre Blicke trafen, grinste er. Er sagte etwas zu seinem Kumpel und die beiden brachen in Gelächter aus.
Egal! Es ist nur ein kleines Stück durch den Wald!
Seufzend öffnete Emily das Schloss, klappte mit dem Fuß den Radständer hoch und trabte los. Dabei machte sie einen großen Bogen um die Kerle. Hatte sie den Fußpfad, der zwischen den Bäumen zur Main Street führte, hinter sich gebracht, war es ein Katzensprung bis zu ihrem Elternhaus.
Wenn sie neulich in der Werkstatt wenigstens an das Licht gedacht hätte! Stattdessen hatte sie bloß die Bremsen nachziehen und den zerschlissenen Sattel austauschen lassen, die kaputte Beleuchtung jedoch völlig vergessen.
Hinter dem Kinogebäude ragte der Umriss des Waldes schwarz vor dem Nachthimmel auf. Emily blieb stehen. Sie zögerte.
Wieso sind Wälder bei Nacht nur so gottverdammt unheimlich?
Nach einem letzten Durchatmen griff Emily nach der Lenkstange und trat in die Finsternis hinein.
Ihre Augen versuchten, in der Dunkelheit etwas auszumachen. Doch der leicht abschüssig verlaufende Pfad war nur schemenhaft zu erkennen. Schritt für Schritt drang sie tiefer in den Wald ein. Gestrüpp streifte ihre Beine. Einmal wäre sie beinahe über eine Wurzel gestolpert.
Sie verdrängte die düsteren Gedanken und rief sich den bevorstehenden Ausflug in den State Park und die geplante Kanu-Tour ins Gedächtnis. Ihr erster Urlaub mit William! Bald würde sie die Nacht mit ihm verbringen. In der Blockhütte, die sie für zwei Tage gemietet hatten, würden sie völlig ungestört sein. Für alle Fälle hatte sie gestern im Drugstore Kondome besorgt.
Ein Rascheln und Knistern im Unterholz ließ Emily auf halbem Weg plötzlich zusammenfahren. Sie hielt abrupt inne. Suchend schweifte ihr Blick umher. Viel war in der Nacht nicht zu erkennen. Die Kiefern, Palmen und Zypressen warfen im Mondlicht bizarre Schatten.
Waren ihr etwa die Männer gefolgt, die vor dem Kino herumgelungert hatten? Oder war es nur ein Tier gewesen? Vielleicht ein Opossum oder ein Eichhörnchen.
Hinter ihrem Rücken vernahm Emily ein lautes Knacken. Erschrocken wirbelte sie herum.
Anstatt eines Tieres brach von links unvermittelt eine menschliche Gestalt aus dem Dickicht. Ehe Emily reagieren und die Hände zur Abwehr heben konnte, versetzte ihr jemand einen Kinnhaken, der sie mit aller Gewalt zu Boden schmetterte. Das Rad kippte zur Seite.
Emily stürzte und schlug hart auf dem steinigen Waldboden auf. Stechende Schmerzen durchzuckten sie. Ihr Kopf dröhnte.
Im nächsten Moment war der dunkel gekleidete Angreifer schon auf ihr. Dicht über ihr sah sie seine bleiche Fratze und die gierig funkelnden Augen.
Zwei Hände legten sich wie Eisenklammern um ihre Kehle. Jeder Widerstand war zwecklos. Sie wollte um Hilfe rufen, brachte jedoch kein Wort heraus. Der Angreifer war stärker als sie und drückte nur noch fester zu.
Der erstickte Schrei, der aus Emilys Kehle drang, war der letzte Laut, den sie jemals ausstoßen sollte.